Verschwörungserzählungen und Fake News: Soziale Medien als Brandbeschleuniger?

Unter der Fülle von Informationen, die es heutzutage in sozialen Netzwerken gibt, tummeln sich leider auch Falschnachrichten und Verschwörungstheorien. Sind an deren Reichweite die sozialen Medien schuld?

@Canva


Zum Autor:

Hans-Ulrich Probst – Referent für die Themen Populismus und Extremismus

Wie damit umgehen, wenn politischer Populismus oder gar Extremismus in der eigenen (Kirchen-)Gemeinde erstarken? Was sind kirchliche Argumente für eine plurale Demokratie? Welche Rolle kann der Kirche zukommen, um Hass, Antisemitismus oder Rassismus in der Gesellschaft entgegenzuwirken? Der Refernt für die Themen Populismus und Extremismus bei der landeskirchlichen Arbeitsstelle für Weltanschauungsfragen geht solchen Fragen nach, informiert, berät und vermittelt.

Kontakt: hans-ulrich.probst@elk-wue.de Tel: 0711 229363-450


Die Querdenken-Demonstrationen im ganzen Bundesgebiet gingen durch die Medien und erzeugten Aufsehen. Bekannte Verschwörungstheoretiker:innen bekamen hier ihre Bühne. Der seltsam anmutende Schulterschluss zwischen Reichsbürgern, esoterischen Friedensaktivistinnen oder fundamentalistischen Christen wurde auf den Demonstrationen sichtbar. Doch als eigentliche Treiber von Verschwörungserzählungen müssen wohl Telegram, Youtube oder Twitter betrachtet werden. Soziale Netzwerke werden während der Corona-Zeit genutzt, um die eigentliche Wahrheit hinter der Pandemie publik zu machen. Hier wurden die angeblich konspirativen Gruppen der Schuldigen ausgemacht, die das Ziel verfolgten, Nutzen und Profit aus der Pandemie zu schlagen. Verschwörungserzählungen rund um Corona wurden in den vergangenen Monaten weit verbreitet oder, um es treffender auszudrücken: Sie waren und sind auf allen digitalen Plattformen der sozialen Netzwerke zu finden und werden hier weiterverbreitet. Warum ist das so? Und wie darauf reagieren? Auf diese Fragen soll der folgende Beitrag einige Antworten geben.

Warum verbreiten sich Fake News so schnell?

Den verbreiteten Verschwörungserzählungen liegen stets bewusst eingesetzte Falschnachrichten, sogenannte Fake News zu Grunde. Diese verbreiten sich in sozialen Netzwerken, wie eine Studie des Massachusetts Institute of Technology (MIT) zeigt, ungemein schnell. In ihr wurde die Verbreitung von Falschmeldungen auf Twitter nachverfolgt. Das Ergebnis der Studie: Eine Falschmeldung kommt etwa sechsmal schneller bei 1500 Usern an als eine richtige Information. Falschinformationen sind offensichtlich attraktiver, da sie als unbekannt und spannend betrachtet werden. Informationen in sozialen Netzwerken, die neu und überraschend wirken, werden in einem Schneeballsystem weiterverbreitet – ungeprüft der Tatsache, ob es sich dabei um eine Falschmeldung handelt. Fake News oder Verschwörungserzählungen sind schlicht die spannenderen Informationen als wissenschaftliche Erkenntnisse. Während wissenschaftliche Studien die Komplexität eines Phänomens steigern, bieten Verschwörungserzählungen die einfachen Antworten an: So reagieren Fake News und Verschwörungserzählungen auf den Wunsch, die Komplexität der Welt zu reduzieren und Wirklichkeit verständlich, beziehungsweise nachvollziehbar zu machen.

Die zügige Weiterverbreitung von Falschmeldungen in sozialen Netzwerken wird dabei auch durch einen sozialen Faktor bestimmt. Hohe Klickzahlen, Retweets oder Likes wirken auf User wie soziale Anerkennung. Alles, was starke Reaktionen entfacht, verbreitet sich schneller, insbesondere in Echokammern der sozialen Netzwerke. Hier werden Informationen insbesondere dann geglaubt, wenn sie in das bereits bestehende Weltbild passen und mit den eigenen Überzeugungen vereinbar sind. Dazu leisten auch die Algorithmen der sozialen Netzwerke durchaus ihren eigenen Beitrag: Die Inhalte von Nachrichten, mit denen ein User besonders lange Zeit im Netz verbringt oder sie weiterverbreitet, werden beispielsweise durch automatisch generierte Vorschläge auf der Plattform YouTube geradezu radikalisiert. Wie die Autorinnen Pia Lamberty und Katharina Nocun in Fake Facts: Wie Verschwörungstheorien unser Denken bestimmen (Köln, 2020) deutlich machen: Durch wenige algorithmisch ausgewählte Videovorschläge kommt ein User vom Bericht der Querdenken-Demonstration zu kruden Verschwörungserzählungen, die nichts mehr mit Corona zu tun haben. Je radikaler und schillernder die Nachrichten, so der Hintergedanke der YouTube-Betreiber, desto länger verbleiben User auf der eigenen Seite. Je länger ein User auf der Seite, desto höher fallen die Werbeeinkünfte aus.

Die schnelle Verbreitung von Fake News in sozialen Netzwerken wird dabei auch dadurch begünstigt, dass mit recht geringem Aufwand Fake News so dargestellt werden können, als ob sie wissenschaftlich fundiert und aus seriöser Quelle stammten. Die Kommunikationswissenschaftlerin Katharina Kleinen-von Königslöw, die an der Universität Hamburg zur Verbreitung von Fake News und Verschwörungserzählungen forscht, verweist darauf, dass Falschinformationen, die „auf den ersten Blick wie ein normaler Nachrichtenpost aussehen, fast so häufig geteilt werden wie die Beiträge von Qualitätsmedien.“

Warum ist der Messenger Telegram für „Querdenker“ so attraktiv?

Die Verbreitung von Fake News oder Verschwörungserzählungen findet aktuell jedoch nicht nur bei Facebook oder Twitter statt, sondern insbesondere in Gruppen des russischen Messengerdienstes Telegram. Die Mitgliedszahlen in Telegramgruppen „QAnon Deutschland“, „Attila Hildmann“ oder den lokalen Querdenken-Gruppen sind im Verlauf des Jahres 2020 rasant gestiegen. Telegram entzieht sich jeglicher politischen Kontrolle und schränkt – im Gegensatz zu Facebook oder Twitter – in keiner Weise die Verbreitung von Fake News oder Verschwörungserzählungen ein. Während Facebook oder Twitter hiergegen mittlerweile durchaus restriktiv vorgehen und Konten sperren oder löschen, vollzieht sich die Kommunikation in Telegram-Gruppen vollkommen ungefiltert. Der Messengerdienst ist darüber hinaus attraktiv, da die Gruppengrößen nicht begrenzt sind. So erreicht Attila Hildmann, der hinter der Corona-Pandemie das heimliche Agieren einer (jüdischen) Neuen Weltordnung vermutet, etwa 115.000 Nutzer mit seinen gewaltverherrlichenden und antisemitischen Nachrichten.

Wie begünstigt die Medienrevolution die Verbreitung von Verschwörungserzählungen?

Die Medienrevolution der vergangenen Jahre, die einen Großteil von Meinungsbildung und Informationsaustausch in den Bereich der sozialen Netzwerke verschoben hat, begünstigt die Verbreitung von Verschwörungserzählungen. Davon ist Michael Blume, Antisemitismusbeauftragter des Landes Baden-Württemberg, überzeugt. Er sieht darin geradezu die Bedingung für die neue Sichtbarkeit von Verschwörungsmythen, wie er in seinem gleichlautenden Buch betont (Verschwörungsmythen: Woher sie kommen, was sie anrichten, wie wir ihnen begegnen können, Ostfildern 2019.). Historisch sieht er Parallelen zu anderen Umwälzungen im Bereich der Medien, die stets auch mit der ungeschützten Verbreitung von Verschwörungserzählungen einher gingen. Die neue Reichweite des Rundfunks habe, so Blume, begünstigt, dass in der NS-Zeit die Lügen einer jüdischen Weltverschwörung gestreut werden konnten. In der frühen Neuzeit falle die Weiterentwicklung des Buchdrucks mit der Popularität von antisemitischen Verschwörungspamphleten um den „Hexensabbat“ zusammen. Für den Beginn des 21. Jahrhunderts fällt die zeitdiagnostische Medienanalyse dazu nicht besser aus. Die Ausweitung sozialer Netzwerke habe auch zu einer Flut der Falschmeldungen und irreführenden Nachrichten geführt, die nicht einholbar sind.

Somit trifft die aktuell sich vollziehende Medienrevolution auf eine weit verbreitete Verschwörungsmentalität. Die Ergebnisse der „Mitte-Studie“ brachten in den vergangenen Jahren (bereits vor der Corona-Pandemie) klar zum Ausdruck: Zwischen 30 und 40 Prozent der deutschen Bevölkerung zeigen Affinität zu Verschwörungserzählungen. Die Verschwörungserzählungen rund um Corona sind daher eher als eine neue Sichtbarkeit einer bereits bestehenden Mentalität einzuschätzen. Die Autor:innen der Studie um Beate Küpper und Andreas Zick warnen dabei nachdrücklich vor dem Glauben an Verschwörungserzählungen: Wer an Verschwörungserzählungen glaubt, missachtet stärker demokratische Prozesse, legitimiert eher Gewalt als probates politisches Mittel und greift gegebenenfalls  auch selbst zur Gewalt.

Wie kann ich mit Verschwörungserzählungen in sozialen Netzwerken umgehen?

Ähnlich wie in offline-Gesprächen wird kein Verschwörungsgläubiger dadurch überzeugt, dass ihm oder ihr wissenschaftliche Erkenntnisse oder Informationen aus einem „Fakten-Finder“ vorgesetzt werden. Aus Sicht des Verschwörungsgläubigen verkommt das Gegenüber zum „Systemling“, zum „Schlafschaf“, der die Informationen der angeblich gleichgeschalteten „Lügenpresse“ einfach nur nachbetet. Die Konfrontation mit unliebsamen Studien kann geradezu einen Back-Fire-Effekt unter Anhänger:innen von Verschwörungserzählungen auslösen: Wessen persönliche Überzeugung in Frage gestellt wird, nimmt in der Folge noch stärker nur die Informationen zur Kenntnis, die den eigenen Standpunkt stärken. In öffentlichen Debatten jedoch freundlich und bestimmt darauf hinzuweisen, dass hier Fake-News verbreitet werden, kann für alle stillen Mitleser:innen durchaus wichtig sein.

Nicht auf Fake News oder Verschwörungserzählungen zu reagieren, ist daher mit Sicherheit keine Alternative. Schweigen wird als Zustimmung gewertet. Öffentlich Freunde oder Bekannte in Debatten bei Facebook anzuprangern und ihnen Verschwörungsglaube vorzuwerfen, ist jedoch wohl weniger sinnvoll. Für das gemeinsame Gespräch, den gemeinsamen Austausch sind andere Formate deutlich sinnvoller: Ein privater Chat, in dem nachgefragt wird, weswegen Falschnachrichten oder Verschwörungserzählungen geteilt werden. Bereits diese Wachsamkeit kann bereits Motivation sein, in Zukunft vorsichtiger mit Falschmeldungen umzugehen. Das direkte Gespräch durch ein Telefonat ist im engen Freundes- oder Bekanntenkreis wohl noch sinnvoller. Hier sollte die soziale Anerkennung und die deutliche Entgegnung zu Verschwörungserzählungen in dialektischer Weise geschehen. Wer das Gefühl hat, gehört zu werden und als Person anerkannt zu werden, glaubt seltener an Verschwörungserzählungen. Klar ist aber auch: Der Austausch mit Freundinnen oder Arbeitskollegen, die sich in einem festen Verschwörungsglaube befinden, ist herausfordernd und anstrengend. Den Draht zum Menschen nicht zu verlieren, kann bereits wesentliches Ziel des Austausches sein.

Verweise

Michael Blume, Verschwörungsmythen: Woher sie kommen, was sie anrichten, wie wir ihnen begegnen können, Ostfildern 2020.

Pia Lamberty und Katharina Nocun, Fake Facts: Wie Verschwörungstheorien unser Denken bestimmen, Köln 2020.

Andreas Zick, Beate Küpper und Wilhelm Berghan, Verlorene Mitte: Feindselige Zustände, Bonn 2019.


#filmtriffttalk online: Verschwörungstheorien – Was steckt dahinter?

#filmtriffttalk

 

Klicken Sie hier um die ganze Sendung nachzuschauen.

Verschwörungstheorien kennen wir aus verschiedenen Zusammenhängen. In letzter Zeit hat hauptsächlich Corona Verschwörungstheoretiker in Aktion gebracht. Wie sind diese Entwicklungen einzuordnen? Was haben die Medien allgemein und Soziale Netzwerke damit zu tun? Macht es Sinn, sich ernsthaft mit Verschwörungstheoretikern auseinanderzusetzen – und wenn ja – wie?

Tina Tanšek unterhält sich dazu anhand ausgewählter Filmausschnitte mit Dr. Michael Blume und Prof. Jörn Precht.

 

 

 

 

 


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