Film-Tipp: Wackersdorf

Mit seinem Spielfilm über die Auseinandersetzungen beim geplanten Bau der Wiederaufbereitungsanlage in Wackersdorf erzählt der Regisseur Oliver Haffner über 30 Jahre danach auf lebendige Art ein Stück Geschichte der Bundesrepublik.

Es sind Bilder aus einer anderen Zeit, die trotzdem erstaunlich aktuell wirken. Zu Beginn der 1980er Jahre ist die Oberpfalz eine Grenzregion mit großen wirtschaftlichen Problemen. Daher muss das Angebot der Münchener CSU-Staatsregierung dem Schwandorfer SPD-Landrat Hans Schuierer zuerst wie ein wunderbares Geschenk vorkommen. Die trotz mancherlei Havarien noch immer Atom-beseelten CSU-Granden hatten beschlossen, die Oberpfalz mit einer Wiederaufbereitungsanlage (WAA) für abgebrannte Atombrennstäbe zu „beglücken“.

[© kfw / canva]

Der Staatsminister sowie Industrievertreter schweben aus München in die tiefste Provinz ein und schwärmen beim Weißwurstessen von tausenden sauberen und sicheren Arbeitsplätzen für die vom Strukturwandel gebeutelte Region mit ihrer Arbeitslosenquote von 20 %. Schuierer sieht darin zuerst eine Chance, nicht zuletzt auch für seine gefährdete Wiederwahl als Landrat.

Doch schon die schmierige Arroganz und Überheblichkeit der Münchener „Politschickeria“ gegenüber dem „Provinzpöbel“ lässt nichts Gutes erahnen.

Erste Zweifel

Zuerst sind es nur klassische „autonome Chaoten“, wie der damalige bayrische Ministerpräsident Franz Josef Strauß gerne alle bezeichnete, die Widerstand leisteten. Denen wird dann noch ganz schnell ohne Rechtsgrundlage der Garaus gemacht. Doch auch in der „normalen“ Bevölkerung wachsen die Zweifel, soll doch ein 200 Meter hoher Kamin die doch eigentlich ganz harmlosen radioaktiven Ausdünstungen der Anlage weiträumig verteilen.

Eine Bürgerinitiative mit Mitgliedern quer durch alle Bevölkerungsschichten wird gegründet und auch beim anfänglich so WAA-begeisterten Landrat Schuierer kommen erste Zweifel auf. Er informiert sich tiefer zum Thema Atomkraft und nimmt mit den Widerständlern Kontakt auf. Für die Regierenden in München ein ungeahnter Affront, der sie unvermittelt trifft, aber auch in Schuierers engeren Umfeld gibt es teilweise Unverständnis. Auch die SPD war zu dieser Zeit noch von den Segnungen der Atomkraft überzeugt, sodass sich auch Schuierers Parteifreunde und -genossen aufgrund seiner Bedenken von ihm abwenden.

Die Macht schlägt zurück

Die Regierenden zeigen Härte, die Auseinandersetzungen im gerodeten Wald werden massiver. Tränengas auf die demonstrierende Bevölkerung und Diffamierungen der protestierenden Menschen: Kein Mittel wird ausgelassen, um den Widerstand zu brechen. Ein im Polizeihubschrauber eingeflogener Promipolitiker ist unschwer als Peter Gauweiler, einer der damaligen Hardliner auszumachen. Ein eigens dafür geschaffenes Gesetz soll den Landrat, der sich inzwischen komplett von Befürworter zum Gegner der Anlage gewandelt hat, in seinen Kompetenzen beschneiden. Klingt wie aus einem Film über eine fernöstliche Diktatur, war aber erschreckend real. Und, wenn Schuierer im Film vor einer bedrohlich wirkenden Polizeikette die Bevölkerung dazu aufruft, die von der Staatsregierung verkaufte und verratene Heimat zu schützen, bekommt der Landrat fast schon einen heldenhaften Touch.

Erstaunlich aktuell

Die Dreharbeiten an den Originalschauplätzen sowie die eindrucksvoll besetzten Rollen lassen die Zuschauerinnen und Zuschauer tief in die damalige Zeit eintauchen. Gleichzeitig wirken die Ereignisse erstaunlich aktuell, man fühlt sich an die Ereignisse im Hambacher Forst und an anderen Teilen der Republik erinnert. Es entsteht ein Gefühl dafür, dass damals breite Schichten der Bevölkerung, von den Landwirten bis zu den „Intellektuellen“, ihre Ängste artikulierten und wie überrascht die Regierenden über den Widerstand, der, von ihnen eigentlich als Hinterwäldler bezeichneten, Oberpfälzer waren. Parallelen tun sich auf zu den Ereignissen im südbadischen Wyhl, wo 1977 der erste geplante Bau eines Atomkraftwerks in Deutschland auf Initiative einer breiten Anti-Atomkraft-Bewegung verhindert wurde.

Mut machen

Als der Film im Jahr 1986, dem Jahr der Katastrophe von Tschernobyl, endet, ist der endgültige Baustopp für die WAA im Jahr 1989 schon abzusehen. Ebenso eine erstaunliche Wandlung in der Struktur. Aus dem Gelände entsteht ein Gewerbepark mit vielen Arbeitsplätzen.

Der Film macht Mut, gezeigt werden ein Politiker, der seine Meinung aufgrund von Überzeugungen ändert und eine Bevölkerung, die trotz Drohungen und Gewalt solidarisch zusammensteht. Zugegeben, manche Rolle driftet etwas ins Klischeehafte ab, aber auch das ruft allerhöchstens ein Schmunzeln hervor. Eine Reaktion, die bei der Schwere des Themas, nicht die Allerschlechteste ist.


Den Film „Wackersdorf“ können Sie im Ökumenischen Medienladen ausleihen.

Der 122-minütige Spielfilm ist im Ökumenischen Medienladen unter der Signatur DVS 1079 oder Online (Hinweis: Sie müssen eine Mitgliedschaft des Ökumenischen Medienladens erwerben, um den Film zu nutzen) erhältlich.

In der Bibliothek kann zum Spielfilm ein Heft mit Ideen für den Unterricht ab Klasse 9 unter der Signatur Afiu 471 entliehen werden. Die filmpädagogische Begleitmaterialien bestehen aus den folgenden Teilen:

  • Politik als Gewissensfrage,
  • Aufgabenblock 1: Vorbereitung auf den Kinobesuch (Die Situation in der BRD, Die Ereignisse rund um den geplanten Bau der Wiederaufbereitungsanlage Wackersdorf),
  • Aufgabenblock 2: Ein Landrat beginnt zu zweifeln (Ein Landrat im Zwiespalt, Hans Schuierer verändert sich),
  • Aufgabenblock 3: Zukunftsmodell Atomkraft? (Die Haltungen der unterschiedlichen Figuren, Die Landschaftsaufnahmen, Die Rolle der Atomkraft seit 1986),
  • Aufgabenblock 4: Politik (Das politische Klima, Politik – Verantwortung und Gewissen),
  • Aufgabenblock 5: Protest und Widerstand (Widerstand in Wackersdorf, Protestaktionen gestern und heute).


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