Film-Tipp: Das schweigende Klassenzimmer

Als im Jahr 1956 Schülerinnen und Schüler in einer DDR Abiturklasse eine Schweigeminute für die Opfer des Aufstands in Ungarn abhalten, schlägt der Staat mit aller Macht zurück und zwingt die Jugendlichen dazu, sich gegen alle Repressionen zu solidarisieren.

1956 ist die Grenze der DDR noch durchlässig. Das nutzen die beiden Abiturienten Theo und Kurt aus Stalinstadt, dem späteren Eisenhüttenstadt, zu einem Ausflug nach West-Berlin. Eigentlich wollen sie im Kino einen Spielfilm sehen, in der Wochenschau davor werden jedoch eindrückliche Bilder von der Niederschlagung des Ungarischen Aufstands gegen die kommunistischen Herrscher gezeigt. Spontan entschließen sich die beiden in ihrer Klasse eine Schweigeminute für die Opfer des Aufstands durchzuführen – für die Herrschenden der noch jungen DDR eine ungeheure Provokation, die nicht hinnehmbar ist.

 

Filmplakat Das schweigende Klassenzimmer

Die Schweigeminute einer Abiturklasse in Stalingrad für die Opfer des Ungarn-Aufstandes 1956 schlägt hohe Wellen in der noch jungen DDR.

Der Staat schlägt zurück

Der Regisseur und Drehbuchschreiber Lars Kraume, der sich schon in „Der Staat gegen Fritz Bauer“ eindrücklich mit der deutschen Nachkriegsgeschichte auseinandergesetzt hat, hat in dem Film ein Buch von Dietrich Garstka in Bilder gesetzt. Dessen Abiturklasse ging im brandenburgischen Storkow zur Schule, Kraumes Verfilmung spielt in der sozialistischen Reißbrettstadt Stalinstadt, die 1961 zu Eisenhüttenstadt wurde. Vielleicht war diese geografische Verortung in der 1950 als „Arbeiterparadies“ gegründeten Stadt einer der Gründe dafür, dass die kleine politische Aktion der Schulklasse als „Konterrevolution“ schnell ungeahnte Kreise zieht. Lehrer, Direktor, die Kreisschulrätin und sogar der Volksbildungsminister schalten sich ein, die Schülerinnen und Schüler bekommen die brutalen Verhörmethoden der Diktatur zu spüren. Die Befrager scheuen dabei nicht vor Erpressungen und massiven Drohungen zurück um damit die Klasse zu spalten und Denunziationen hervorzurufen.

Unterschiedliche Charaktere

Dabei zeigt sich, dass die einzelnen Mitglieder der Klasse sehr wohl unterschiedliche Ansichten zur Aktion haben. Das wird auch mit ihren Biografien begründet, wobei hier die Väter eine große Rolle spielen. Theo ist eher ein unbedarfter, spitzbübischer Junge, der versucht, so unbeschadet wie möglich aus der Sache rauszukommen. Wobei sein bester Freund Kurt entschlossen ist, gegen alle Widerstände zur der Aktion zu stehen. Theos Vater wird als ein proletarischer Stahlkocher gezeigt während Kurts Vater Hans als Stadtratsvorsitzender hinter allem die „Faschisten“ sieht. Erik, dessen Vater im Zweiten Weltkrieg als Widerstandskämpfer gestorben ist, glaubt an die DDR und verrät schließlich unter starkem Druck die Gruppe.

Die Ereignisse überschlagen sich

Es gelingt Erik nicht den Verrat zu verarbeiten, er läuft Amok und schießt auf einen Lehrer. Als die Kreisschulrätin den Druck noch weiter erhöht zeigen sich auch viele Brüche in den eigentlich doch so geraden Biografien der Väter. Die Klasse bleibt jedoch solidarisch, daraufhin wird allen das Abitur in der DDR verwehrt. Ende 1956 geht fast die gesamte Klasse daraufhin in den Westen.

Kritik und Stärke

Wie bei vielen anderen Filmen, die sich nach dem Ende mit der DDR mit dem Leben dort auseinandergesetzt hatten, wurde auch bei „Das schweigende Klassenzimmer“ vielerlei Kritik laut. Und ja, manche der Figuren wirken etwas holzschnittartig und vorhersehbar, von manchem glühenden Kommunisten bleibt nur Opportunismus. Leider durfte allerdings aber auch hier der Vorwurf nicht fehlen, dass Kraume als ein westdeutscher Filmemacher gar nicht das Recht hätte, die ostdeutsche Geschichte filmisch zu thematisieren.

Trotz allem bleibt eine mitreisende Geschichte, die ein junges Ensemble glaubwürdig darstellt. Dem Filmemacher gelingt es mit großer Sorgfalt die Zwänge von Menschen in Diktaturen zu ständigen Kompromissen und Verbiegungen, den Umgang mit Zweifeln und der Wahrheit eindrücklich darzustellen.

In Zeiten, in denen eine politische Partei in Deutschland Schülerinnen und Schüler wieder ganz offen dazu aufruft, durch das Denunzieren von politisch unbequemen Lehrerinnen und Lehrern in den Schulen ein Klima der Angst und Einschüchterung zu schaffen, gewinnt der Film eine starke Aktualität. Haltung, Integrität, und Widerstand sind doch zeitlose Themen die uns immer wieder herausfordern. Dem Film gelingt es dazu Mut zu machen.


Den Film „Das schweigende Klassenzimmer“ können Sie im Ökumenischen Medienladen ausleihen.

Der 107-minütige Spielfilm über das Widerstehen junger Menschen in einer Diktatur ist mit umfangreichem didaktischem Begleitmaterial im Ökumenischen Medienladen unter der Signatur DVS 1056 oder Online (Hinweis: Sie müssen eine Mitgliedschaft des Ökumenischen Medienladens erwerben, um den Film zu nutzen) erhältlich.


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